Evidenzbasiertes Arbeiten.... Ich bin genervt von den Diskussionen im Gesundheitsbereich...
Evidenzbasiert, bitte einmal Aufklärung was das wirklich ist, verständlich für Nichtstudierende und dass es nicht Generalisierbar ist für jeden Patienten z. B. in der Ergotherapie - Danke
'Sehr gern. Der entscheidende Punkt ist tatsächlich: „evidenzbasiert“ bedeutet nicht, dass man Forschungsergebnisse einfach 1:1 auf jeden einzelnen Patienten überträgt. Gerade in der Ergotherapie wäre das ein Missverständnis.
Was bedeutet „evidenzbasiert“ wirklich?
Vereinfacht gesagt:
Evidenzbasierte Praxis verbindet drei Dinge:
die beste verfügbare wissenschaftliche Evidenz
die klinische Erfahrung und fachliche Expertise der Therapeutin/des Therapeuten
die Situation, Ziele, Werte, Möglichkeiten und Bedürfnisse des einzelnen Patienten
Eine evidenzbasierte Entscheidung lautet also nicht:
„Die Studie sagt X, also bekommt jeder Patient X.“
Sondern eher:
„Was wissen wir aus guter Forschung? Was sehe und verstehe ich bei diesem konkreten Menschen? Was ist für ihn in seiner Lebenssituation überhaupt sinnvoll und relevant?“
Auch eine systematische Übersichtsarbeit zur evidenzbasierten Praxis in der Ergotherapie beschreibt EBP ausdrücklich als Zusammenspiel von Forschungsevidenz, klinischer Expertise und den Werten der Patientinnen und Patienten. (Sage Journals)
Warum kann man Studienergebnisse nicht einfach auf jeden Patienten übertragen?
Weil eine Studie immer etwas über eine untersuchte Gruppe aussagt.
Zum Beispiel könnte eine Studie zeigen:
„Eine bestimmte Intervention verbessert bei Menschen mit Diagnose X durchschnittlich die Fähigkeit Y.“
Das bedeutet zunächst:
In der untersuchten Gruppe gab es einen bestimmten Effekt.
Dieser Effekt war ein Durchschnitts- oder Gruppenergebnis.
Nicht jeder einzelne Mensch hat zwangsläufig gleich profitiert.
Manche haben möglicherweise stark profitiert.
Andere wenig.
Manche vielleicht gar nicht.
Und bei Menschen, die gar nicht den Studienteilnehmern ähneln, ist die Übertragbarkeit möglicherweise eingeschränkt.
Aus einem Gruppenergebnis wird also nicht automatisch eine Vorhersage für einen einzelnen Menschen.
Gerade in der Ergotherapie ist das besonders wichtig
Zwei Patienten können dieselbe Diagnose haben – und trotzdem ergotherapeutisch etwas völlig anderes brauchen.
Denn für die Therapie sind beispielsweise relevant:
Welche Betätigungen sind für diesen Menschen bedeutsam?
Was möchte er wieder können?
Wie sieht sein Alltag aus?
Welche körperlichen, kognitiven oder emotionalen Voraussetzungen bringt er mit?
Welche Ressourcen hat er?
Wie ist seine Wohn- und Lebenssituation?
Welche Unterstützung gibt es?
Was ist ihm selbst wichtig?
Was ist aktuell überhaupt umsetzbar?
Die Forschung zu ergotherapeutischen Interventionen selbst zeigt diese Heterogenität: Interventionen und Messmethoden unterscheiden sich zwischen Studien teils erheblich, was die Verallgemeinerung von Ergebnissen begrenzen kann. (PubMed)
Ein einfaches Beispiel
Angenommen, eine Intervention hat in Studien bei älteren Menschen mit einer bestimmten Einschränkung gute Ergebnisse gezeigt.
Das ist zunächst ein wichtiger Hinweis:
„Diese Intervention könnte sinnvoll sein.“
Es ist aber keine Garantie:
„Diese Intervention wird bei Frau Müller genauso funktionieren.“
Denn Frau Müller könnte beispielsweise:
andere Ziele haben,
eine andere Belastbarkeit besitzen,
zusätzliche Erkrankungen oder Einschränkungen haben,
in einer völlig anderen Umgebung leben,
die Intervention ablehnen,
andere Prioritäten setzen.
Dann ist die fachliche Aufgabe nicht, die Studie zu ignorieren.
Aber auch nicht, die Studie über den Menschen zu stellen.
Sondern:
Die Evidenz als Orientierung zu nutzen und zu prüfen, ob, wie und in welcher Form sie für diesen konkreten Menschen passt.
Dass individualisierte, an Ziele, Interessen und Fähigkeiten angepasste Interventionen in der Ergotherapie relevant sind, zeigt auch eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zu occupation-based interventions. (PubMed)
Was heißt „keine Evidenz“?
Auch hier gibt es oft ein Missverständnis.
„Es gibt keine ausreichende Evidenz“ bedeutet nicht automatisch: „Die Maßnahme funktioniert nicht.“
Es kann auch bedeuten:
Die Intervention wurde bisher zu wenig untersucht.
Es gibt noch keine guten Studien.
Die Studien sind methodisch schwach.
Die untersuchten Gruppen waren sehr unterschiedlich.
Die Intervention wurde unterschiedlich durchgeführt.
Die Ergebnisse lassen sich deshalb noch nicht sicher zusammenfassen.
Gerade in der Ergotherapie gibt es Bereiche, in denen die Studienlage durch unterschiedliche Interventionen, Patientengruppen und Messinstrumente begrenzt ist. (PubMed)
Das wissenschaftlich korrekte Ergebnis ist dann nicht:
„Das bringt nichts.“
Sondern:
„Wir wissen derzeit noch nicht ausreichend sicher, für wen, unter welchen Bedingungen und mit welcher Wahrscheinlichkeit es wirkt.“
Das ist ein großer Unterschied.
Und was ist dann die Aufgabe der Ergotherapeutin?
Evidenzbasiertes Arbeiten könnte man als fortlaufenden Denkprozess verstehen:
1. Was ist das konkrete Problem oder Anliegen dieses Menschen?
↓
2. Was möchte dieser Mensch in seinem Leben erreichen?
↓
3. Was sagt die beste verfügbare Forschung zu möglichen Interventionen?
↓
4. Passt diese Evidenz überhaupt zu diesem Patienten?
↓
5. Was spricht meine klinische Erfahrung für oder gegen eine bestimmte Vorgehensweise?
↓
6. Was möchte und kann der Patient?
↓
7. Wir probieren eine fachlich begründete Intervention aus.
↓
8. Wir beobachten gemeinsam: Hilft es diesem konkreten Menschen tatsächlich?
↓
9. Wenn nötig, passen wir die Intervention an oder verändern den Plan.
Das ist im Grunde individualisierte, überprüfbare klinische Entscheidungsfindung – nicht bloßes Abarbeiten von Studienergebnissen.
Der vielleicht wichtigste Satz
Evidenz beschreibt Wahrscheinlichkeiten für Gruppen.
Therapieentscheidungen betreffen konkrete Menschen.
Deshalb kann man Forschung nicht einfach mechanisch „anwenden“. Eine evidenzbasierte Intervention muss in der realen Praxis auf den jeweiligen Patienten, das Setting und die vorhandenen Ressourcen übertragen und angepasst werden. Eine systematische Übersichtsarbeit zu OT/PT-Interventionen zeigt ausdrücklich, dass die Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen je nach Disziplin und Praxissetting variiert und Patientenbedürfnisse sowie Ressourcen dabei eine relevante Rolle spielen. (PubMed)
Kurz gesagt: Evidenzbasierung ist nicht „Studie gegen Patient“. Sie ist der Versuch, wissenschaftliches Wissen und den einzigartigen Menschen vor uns fachlich verantwortungsvoll zusammenzubringen. Genau darin liegt meines Erachtens auch eine der großen Stärken ergotherapeutischen Denkens.
Ja, natürlich 😊 Hier sind die Quellen hinter meiner Erklärung – und ich würde meine vorherige Antwort an einer Stelle etwas präzisieren: Die zentrale Aussage ist gut belegt, aber manche meiner Beispiele waren vereinfachende Veranschaulichungen.
Besonders gute Quellen zum Nachlesen
Netzwerk Evidenzbasierte Medizin e. V. – Methodik
Gute deutschsprachige Einführung. Beschreibt evidenzbasierte Medizin als Verbindung von wissenschaftlicher Evidenz, klinischer Expertise, Patient*innenpräferenzen und der anschließenden Evaluation, ob die Entscheidung beim konkreten Patienten funktioniert. (EbM-Netzwerk)
Methodik der evidenzbasierten MedizinBennett, 2000 – The process of evidence-based practice in occupational therapy
Speziell für die Ergotherapie. Sehr passend zu deiner Frage: Forschungsevidenz ist ein Bestandteil klinischer Entscheidungsfindung und soll klinisches Urteil und Erfahrung nicht ersetzen. (Wiley Online Library)
Artikel bei Wiley: Evidence-based practice in occupational therapyUpton et al., 2014 – Systematic Review zur Evidence-Based Practice in Occupational Therapy
Eine systematische Übersichtsarbeit. Sie beschreibt EBP in der Ergotherapie als Integration von bester Forschungsevidenz, klinischer Expertise und Patientenwerten. (Sage Journals)
Systematic Review: Evidence-Based Practice bei Ergotherapeut*innenKravitz et al., 2004 – Evidence-Based Medicine, Heterogeneity of Treatment Effects, and the Trouble with Averages
Für den Punkt, der dir besonders wichtig war: Durchschnittsergebnisse einer Studie gelten nicht automatisch für jeden einzelnen Menschen. Studien können unterschiedliche Behandlungseffekte bei unterschiedlichen Personen verdecken – manche profitieren stark, andere wenig oder gar nicht. (PubMed Central (PMC))
Der Originalartikel zu „dem Problem mit Durchschnittswerten“Murad et al., 2018 – External validity, generalisability, applicability and directness
Erklärt den wichtigen Unterschied zwischen:Generalisierbarkeit: Lassen sich Ergebnisse von der Studiengruppe auf eine größere Population übertragen?
Anwendbarkeit: Passen die Ergebnisse auf diesen konkreten Patienten vor mir?
Genau dieser zweite Punkt ist für die therapeutische Praxis entscheidend. (PubMed)
Artikel zu Generalisierbarkeit und Anwendbarkeit auf individuelle Patient*innen
Mein persönlicher „Kernsatz“ daraus wäre deshalb:
Eine Studie liefert nicht die Antwort darauf, was bei diesem einen Menschen passieren wird. Sie liefert Evidenz darüber, was unter bestimmten Bedingungen bei einer untersuchten Gruppe beobachtet wurde. Ob und wie dieses Wissen für den einzelnen Patienten anwendbar ist, muss fachlich geprüft werden.
Das ist meines Erachtens eine sehr wichtige Aufklärung gerade dann, wenn „evidenzbasiert“ im Alltag fälschlicherweise mit „für alle gleich“ oder „alles andere ist unwissenschaftlich“ gleichgesetzt wird. (Wiley Online Library)'
-Unterhaltung mit ChatGTP
Ich bin genervt.... Warum? Chat GTP hat es zusammengefasst.
Studien sind nicht generalisierbar. Sie können Anhaltspunkte sein für die individuelle Therapieplanung, sind jedoch nicht DER eine Wert der ETWAS über den persönlichen Therapieerfolg aussagt!
Der Wert einer Therapie und der Erfolg oder Nutzen hängt von sehr komplexen Faktoren ab, die sich teilweise wechselseitig bedingen, bestärken und schwächen. Menschliche Komplexität so runterzureduzieren ist unwürdig.
Meine persönliche Meinung.
Und diese Diskussionen von Seiten der Politik und Krankenkassen zunehmend das Bild verfälschen. Ein Mensch ist keine Maschine, aus der mit genügend effizienten laut Studienlage sogenannte passende Maßnahmen Erfolg erzwungen werden kann.
Ich wünsche einen schönen Tag, mit der Menschlichkeit, die wir alle in uns tragen und die leider im ganzen Messen und Messbarmachen sowas von untergeht.



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